Dienstag, 10. Januar 2012

Eine wahre Geschichte


Restaurant Reh im hinteren Guldental
Bild: Kurt Heutschi, Balsthal

Die folgende Geschichte hat mir mein Vater (Jhg. 35) gestern gemailt. Sie gehört zu den Erzähl-doch-mal-von-früher-Geschichten, die wir immer verlangt hatten, wenn wir als Kinder eigentlich ins Bett hätten gehen sollen. Wir haben sie geliebt, diese Geschichten aus der Jugend meines Vaters. Seine Kindheit war turbulent und spannend - wie auch anders bei fünf Kindern. Mein Grossvater hatte eine Bäckerei und ein Tea-Room (ein Café) in einem grösseren Dorf im Kanton Solothurn.

Da die Geschichte einige schweizerdeutsche Ausdrücke aufweist,
habe ich diese übersetzt ins Deutsche (in Klammern).

Grittibänze - das Schweizer Nikolaus-Gebäck - Rezept gibt's hier

Samichlaus-Bänze-Jass
Ein Gastbeitrag von Bill, dem Wilde-Henne-Vater

Es muss kurz nach dem 2. Weltkrieg gewesen sein. Die «Grittibänze« zum «Samichlaus» (Nikolaustag) durften wieder mit Weissmehl und Butter hergestellt werden. – Mein Vater kriegte auch wieder Benzin für seine «Motosacoche» Baujahr 1932 der Gebr. H.&A. Dufaux Genf, die während sechs Jahren im Schopf hinter dem Haus ein «Dornröschen-Dasein» frönte.

Das sind die wichtigen Zutaten, damit die folgende Geschichte zum würdigen Abschluss gebracht werden kann:

Der 6. Dezember jeden Jahres war in unserer Bäckerei gezeichnet von Hektik, guten Gerüchen und massenhaft Kunden.  Bis morgens um 10 Uhr waren denn auch meistens die «Teigmannli» (Teigmännchen) an den Kunden gebracht.

Danach wurden in der Backstube noch die besonderen Bestellungen in allen Grössen hergestellt. Eine ausserordentliche Leistung beanspruchte die Lieferung für das Restaurant Reh im hinteren Guldental. Dort fand nach dem Kriegs-Unterbruch alljährlich wieder der beliebte «St. Nikolaus-Bänzen-Jass» statt (Jass = das Schweizer Kartenspiel).

Mein Vater liess es sich nehmen, diese umfangreiche Lieferung selbst auszuführen. Kleinere Hauslieferungen im Dorf wurden durch uns Kinder erledigt; dies sicherte uns ein ansehnliches Sackgeld-Einkommen.

Die «Austragungshutte» (Rückentragekorb) wurde gefüllt mit Bänzen jeglicher Grösse. Die Kleinen kamen im schmucklosen «Outfit» daher während die Grossen besondere Dekor-Merkmale aufwiesen.
Das Motorrad wurde durch meinen Bruder Alex auf Hochglanz poliert, schon mal zum Aufwärmen vor-angekickt und im Stand laufen gelassen. Es sollte die erste Fahrt nach sechs Jahren Unterbruch sein. Die Garage Kreuchi hatte in der Woche zuvor einen umfassenden Service am Gefährt ausgeführt.
Vater kleidete sich in einen dunkelbraunen Anzug, gestärkter Hemdkragen und Krawatte. Die Hosenstösse wurden durch spezielle Fahrrad-Klammern zusammengezogen, damit sie nicht in die Antriebskette des Motorrades gelangen konnten.

So um 15 Uhr nachmittags ging’s denn auf. Das Restaurant Reh in Ramiswil war eine beliebte Ausflugbeiz (Ausflugsrestaurant) und wurde vor allem von Jägern, Bauern und Sportschützen geschätzt. Der «Bänzen-Jass» zog all die Liebhaber des Kartenspiels magisch an. Die meisten gelangten in aufwändigen Märschen zu diesem abgelegenen letzten Gasthaus unterhalb des Scheltenpasses.

Vom Hörensagen wusste ich, dass dort hin und wieder auch divergierende Argumente mit handfesten Mitteln ausgetragen wurden. Dieser «Bänzen-Jass» schien aber eine friedliche und vor allem auch fröhliche und etwas feuchte Angelegenheit geworden zu sein.

Zu vorgerückter Stunde, d.h. weit nach der damaligen Polizeistunde hat sich mein Vater wohl wieder auf den motorisierten Drahtesel geschwungen und fuhr aus dem Guldental gen Balsthal.

Wenn immer Vater abends auf irgendeine Spezialtour musste, scharrte Mama uns vier grösseren Kinder um sich zusammen um gemeinsam einen Rosenkranz zu beten (der kleinste ward schon in Horizontallage).  Dies, damit der Ausgang dieser Exkursion einen gütlichen Verlauf nehmen möge und unser Ernährer wohlbehalten nach Hause käme. – So auch an diesem Abend. Wir waren aber zu vorgerückter Stunde derart müde, dass alle zu Bett gingen. Eine meiner Schwestern und ich durften ins elterliche Bett einsteigen.

Und dann, eben zu sehr vorgerückter Stunde, wankte mein Vater ins Schlafzimmer. Sein Gesicht war mit verkrustetem Blut bedeckt. Der ehemals schöne Anzug hing in nudelbreiten Streifen herab. Darunter war einzig noch das Futter unversehrt. Er sah schrecklich aus, fast wie Jesus vor der Kreuzigung.

Mama blieb die Ruhe selbst. Sie muss realisiert haben, dass nur ein Rosenkranz nicht ganz die absolute Wirkung erzeugen konnte. Umgehend versorgte sie die Wunden und wies uns zwei Kleinen an in unsere eigenen Betten zu schlüpfen. – Uns hätte es natürlich ungemein wunder genommen, wie sich die nachfolgenden Dialoge der Eltern weiterentwickelten. Dem aber war vorerst ein Riegel geschoben.

Tags darauf erfuhren wir dann die «Ablaufstory» dieser mörderischen Heimfahrt. In St. Wolfgang war damals die Kurve bei der Kapelle noch nicht so ausgeleuchtet wie heute. Vater kannte damals die Promillegrenze auch noch nicht. Nebst diesen Umständen aber kam noch dazu, dass der Scheinwerfer des Motorrades immer noch mit dem Blaulicht der Verdunkelungszeit der Kriegsjahre versehen war. Dies hatte auch die Garage Kreuchi übersehen. All diese Punkte verdichteten sich eben in St. Wolfgang, und so fuhr mein Vater ungebremst geradeaus über den Gehsteig, das Bord hinunter in die «Hostet» (den Obstgarten) des «Öli-Bauern» und dort wickelte sich die schöne, braune «Motosacoche» um einen Apfelbaum - inklusive Vater. – Die Rinde des Apfelbaumes bewirkte, dass sein Sonntagsanzug in einen nudelartigen Behang verwandelt wurde. Selbst in den Gesichtswunden und späteren Narben konnte man fast die Struktur eines Boskoop-Baumstammes ausmachen.
Vater, Alex und ich marschierten am andern Morgen hinaus nach St. Wolfgang. Dort hatte sich schon eine ansehnliche Menge Leute um das Wrack versammelt. Der «Jericho-Pintli-Wirt» Erhard Winistörfer anerbot sich, die Maschine per Ross und Wagen in die Garage zur Reparatur zu fahren. So geschah es.

Das Gefährt ward nie wieder gesehen, dafür hatte Mama dialogmässig ein für alle Male gesorgt.

Kommentare:

  1. Ach, Wilde Henne!

    Ich liebe auch solche Geschichten von früher. Schön, wenn man einen Papa hat, der sie gerne erzählt, bzw. sogar mailt, damit sein wildes Hennchen auch heute noch gut schlummern kann! Von mir aus gerne mehr!

    Ach ja: ohne Wunsch - keine Wolle! Da bin ich eisern!

    Laß Dich lieb grüßen von der Elke

    PS: Koffer wieder offen. Oel-Tipp hat gewirkt. Der Frühling kann also kommen!

    AntwortenLöschen
  2. jesses, welch wilde geschichte! :-) und köstlich zugleich! gottseidank mit glimpflichem ausgang.
    liebe gut`s* nächtli* grüssli von dornrös*chen

    AntwortenLöschen
  3. Ich liebe alte Geschichten!
    Liebe Grüße,
    Markus

    AntwortenLöschen
  4. ja früher war fast alles besser ;-). Wir haben auch ein paar solche Geschichten von Papi. Er hat sogar extra ein kleines Geschichtsheft dazu verfasst mit dem Titel "gschichte vonere Jugend".

    PS: Du kannst naütrlich auch mit Zitronensaft nachwürzen, das geht schon bei dem Rezept. Von Anfang an hab ich die Zitrone noch nie dazugegeben.

    Hebs guet - Pascale

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über jeden netten oder auch kritischen Kommentar. Beleidigende, braungefärbte-rassistische Beiträge werden jedoch gelöscht.